Trondheim nach Oslo

Trondheim nach Oslo

Wohl jeder interessierte Hobbyradfahrer hat schon einmal davon gehört, von „Den Store Styrkeproven“, der großen Kraftprobe in Norwegen, dem beinahe legendären Radmarathon von Trondheim nach Oslo über 540 km. Und irgendwie denkt wohl jeder im ersten Moment: Geht das überhaupt, kann man eine Strecke von 540 km tatsächlich mit dem Fahrrad am Stück fahren? Klar, einen Marathon über 200 km oder gar 250 km ist man als ambitionierter Hobbyradfahrer vielleicht schon einmal gefahren, aber mehr als die doppelte Strecke … 540 km!?

Auch wir, Andreas Brosin und Tom Daniss, hatten schon oft von diesem Marathon gehört und uns gefragt, ob diese Strecke wohl auch von uns zu schaffen ist. In diesem Jahr, am 26. Juni, haben wir, nachdem wir bereits 2000 (damals gemeinsam mit Siegfried Philipp) und 2005 teilgenommen und das Ziel in 23 bzw. 21 ½ h erreicht haben, ein drittes Mal teilgenommen.

Da wir uns 2005 quasi selbst verpflichtet haben, in fünf Jahren wieder dabei zu sein, mussten wir dieses Jahr wieder ran! Der sportliche Ehrgeiz, ein wenig Norwegenliebe (Gibt es dort vielleicht auch radfahrende Trolle?), der Gedanke an eine zwar anstrengende, aber wunderschöne, etwas „längere“ Radtour durch Norwegen, was auch immer die Triebfeder für dieses Unternehmen war, wir haben es nicht bereut.

Die Langdistanz, „Den Store Styrkeproven“ („Die große Kraftprobe“), als grösste Herausforderung, führt über 540 km von Trondheim nach Oslo. Kürzere Strecken im Rahmen der gleichen Veranstaltung führen von Lillehammer als „Den Lille Styrkeproven“ („Die kleine Kraftprobe“, 190 km), von Hamar (130 km) und von Eidsvoll (60 km) nach Oslo.

Die Fahrtstrecke der „Großen Kraftprobe“ verläuft entlang der Europastraße 6 von Trondheim nach Oslo und verlässt diese nur auf wenigen Abschnitten im letzten Drittel. Das Profil der Strecke verläuft zunächst flach, um dann bis Kilometer 170 auf etwa 1.200 m Höhe anzusteigen. Dann führt sie ca. 30 km auf der Hochebene des Dovrefjell entlang, um dann, nach einer rasanten Abfahrt, in das Gudbransdal, ein langgezogenes Tal, einzumünden. Dort geht es mehr oder weniger eben bzw. leicht bergab. Nach 350 km erreicht man die Olympiastadt Lillehammer. Von dort aus wird das Profil hügeliger, ist geprägt von mal mehr, mal weniger steilen und oftmals langgezogenen Anstiegen und Abfahrten. Es geht vorbei an der zweiten Olympiastadt Hamar mit dem „umgekippten“ Wikingerschiff, der Eislaufhalle der Olympischen Spiele von 1994. Kurz vor Oslo geht es dann noch einmal ein langgezogenes Stück auf der stadteinwärts führenden, teilweise extra für die Radfahrer gesperrten Stadtautobahn steil bergauf. Danach folgt eine etwa 5 km lange Abfahrt, um zum Schluss vom Veranstalter als letzte kleine Herausforderung eine 300 m lange steile Anfahrt zum Ziel „geschenkt“ zu bekommen. Im Ziel erhält man dann eine kleine Medaille als Andenken an „Die große Kraftprobe“. Ein Diplom mit der eigenen Fahrzeit inkl. der einzelnen Zwischenzeiten ist dann im Internet abrufbar. Mehr „Erinnerung“ vom Veranstalter gibt es leider nicht, nicht mal ein Trikot, dieses müsste man schon selber kaufen. Aber die Erinnerung ist ja vor allem im Kopf und, in den Tagen danach, insbesondere in den eigenen Gliedern „abgespeichert“.

img_20161016_125321Schon während der Hinfahrt nach Trondheim hatten wir die Gedanken, die einen vor jedem Radmarathon bewegen: Reichen die bisher gefahrenen Trainingskilometer? Wird das eigene Material halten? Was werden die Beine dazu sagen? Wird es diesmal wenigstens gutes Wetter.

In Norwegen ist selbst im Juni jedes Witterungsextrem möglich, von Schnee auf der Hochebene Dovrefjell, strömenden Regen, starkem Gegenwind bis hin zu angenehmsten Sommertemperaturen. Und auch die eigenen Erinnerungen an die ersten beiden Male sind ein wenig „durchweicht“ von strömendem Regen, unangenehmen Temperaturen bis in der Nähe des Nullpunktes, aber auch warmer Sonnenschein war unser Begleiter.

Und doch, bei allen möglichen Widrigkeiten, man freut sich auch auf das Erlebnis. Die Stunden von der Ankunft in Trondheim bis zum Start am 26.06.2010 um 9.11 Uhr vergingen sehr schnell. Dann standen wir inmitten einer Menge Gleichgesinnter am Nidarosdom in Trondheim, dem bekanntesten Sakralbau Norwegens, in dem die norwegischen Könige gekrönt werden. Die Mehrzahl der Teilnehmer sind Männer, aber auch einige Frauen wagen alljährlich das Unternehmen. Die überwiegende Zahl der 2.900 Starter, die 2010 die Langdistanz der großen Kraftprobe in Angriff nahm, stammte natürlich aus Norwegen, aber auch etwa 200 Deutsche sowie beispielsweise Dänen, Schweden, Niederländer, Belgier, Italiener u. a. standen am Start. Alle waren bereit, sich der Herausforderung zu stellen. Gestartet wurde am 25.06. abends zwischen 22.00 und 24.00 Uhr (Fahrer, welche das Ziel in einer Fahrzeit bis 40 h erreichen wollten) und zwischen 7.00 Uhr und 9.30 Uhr des folgenden Tages (alle Fahrer mit angestrebten Fahrzeiten unter 24 h) in Gruppen von 100 Fahrern, alle fünf Minuten wurde ein solcher Troß auf die Strecke entlassen.

Wir hatten dieses Jahr riesiges Glück mit dem Wetter. Zwar regnete es die ersten 3 Stunden, und teilweise unangenehmer Gegenwind, insbesondere auf dem Dovrefjell, machte es auch nicht leichter. Aber mit jeder weiteren Stunde des Tages wurde das Wetter immer besser. Am Nachmittag kam die Sonne und schien bis weit in den, zu dieser Zeit in Norwegen sehr langen, wunderschön rotglühenden Abend hinein. Sicher wird das Jahr 2010 als eines der besseren Jahre in Bezug auf das Wetter in die Geschichte der „großen Kraftprobe“ eingehen.

In der Nacht war der hell erleuchtete Vollmond für etwa drei Stunden unser Begleiter, bevor er gegen 3.00 Uhr von der schon wieder aufgehenden Sonne „abgelöst“ wurde. Und immer noch lagen, nachdem wir bereits 440 km absolviert hatten, 100 km vor uns.

Neben der wunderschönen norwegischen Landschaft beeindruckt vor allem die Stimmung am Rand der Strecke. Immer wieder sitzen am Straßenrand, auf Campingplätzen und in den Vorgärten, kleine und größere Gruppen von Norwegern, die, in bester Stimmung und ausgelassener Feierlaune, die vorbeifahrenden Radfahrer mit lauten „Heia, Heia“-Rufen und anderen aufmunternden Worten, oft sogar die ganze Nacht hindurch, anfeuern und „vorwärts schieben“.

An der Strecke sind 10 Verpflegungsstationen eingerichtet, da eine ausreichende Verpflegung unabdingbar ist und die Strecke wohl auch nur mit entsprechender Kalorienzufuhr zu bewältigen ist.

Zudem sind eine Vielzahl von Begleitfahrzeugen, die einzelne Fahrer, aber auch die vielen Rennteams begleiten, die, um den Streckenrekord zu brechen, weitgehend auf Pausen verzichten und sich quasi aus den Fahrzeugen heraus verpflegen lassen, ständige Begleiter auf der Strecke.

Nach genau 21 h 59 min 47 sec haben auch wir in diesem Jahr die letzten 300 m Berganfahrt zum Zielstrich und damit die Gesamtstrecke absolviert. Am Ende lagen 540 km inkl., nach Angaben des Veranstalters, 4.600 Höhenmetern, hinter uns.

Im Ziel angekommen, bewegen einen dann die verschiedensten Gedanken. Zwar liegt der Rekord mittlerweile bei unter 12 h 51 min Fahrzeit, aufgestellt 2009, was doch ein wenig utopisch anmutet (Ein Schnitt von mehr als 40 km/h, wie geht das auf dieser Strecke?), aber allein der Gedanke, die Strecke selbst bewältigt zu haben, egal in welcher Fahrzeit, verursacht ein großes Glücksgefühl, in dem auch, nachdem man etwa ein halbes Jahr jeden Tag an dieses Unternehmen gedacht und sich innerlich darauf eingestimmt hat, sehr viel Erleichterung mitschwingt. Diese Erleichterung lässt einen auch die Schmerzen, die man doch an vielen Stellen des Körpers spürt, viel besser ertragen.

Ob wir es noch einmal machen wollen? Wir denken, „Aller guten Dinge sind „3“, und werden es wohl für die nächsten Jahre erst einmal dabei belassen. Vielleicht aber denken wir irgendwann anders darüber. Vom Anbeginn der Veranstaltung im Jahre 1967 bis heute sind zwei Norweger jedes Jahr, d. h. nunmehr bereits zum 44. Mal mitgefahren. Ihr Alter liegt mittlerweile jenseits der 60 bzw. der 70 Jahre …!