Ronde van Vlaanderen Cyclo

Ronde van Vlaanderen Cyclo

Samstag, 1. April, im Westen Belgiens: 141 km, 1500hM auf 17 z.T. grob gepflasterten Anstiegen (flämisch „Hellinge“) und 5 flache Kopfsteinpflasterpassagen (flämisch „Kasseien“). Nach der Ronde van Vlaanderen, der Flandernrunde, sind müde Beine und Erschöpfung zwar da, aber die ganze Aufmerksamkeit gilt den glühenden und schmerzenden Händen. Die Einheimischen sagen, dass dies das Rennen für Männer sei, die mit den Schweinen hinterm Haus aufgewachsen sind…

Der Samstagmorgen begann mit einer Enttäuschung: 10 Grad und Nieselregen, und das nach neun Tagen bestem Sonnenschein am Nordseestrand. Aber hilft ja nichts, dachten wir uns beim Aufbruch von Oostende (wo unser Ferienhaus stand und Großeltern und Kinder zurückgelassen wurden) in Richtung Startort Oudenaarde, ungefähr sechzig Kilometer im Landesinneren und das Tor zu den so genannten Flämischen Ardennen – was gewaltig klingt, aber eher eine milde Hügellandschaft ist. Dort war also der Start für die 70 und die 140 km Strecke, während die 200er und 240er in Antwerpen los fuhren.

Alles war in der kleinen Stadt bestens ausgeschildert, Organisatoren und Polizei sorgten für einen glatten Ablauf bei Anfahrt und beim Parken. Wir wurden auf die Standfläche „Tom Boonen“ geleitet, ein gutes Omen, prompt hörte der Regen auf und kam an diesem Tag nicht zurück (um Punkt 12 sollte sich sogar die Sonne für genau 3 Minuten zeigen).

Laune gut, Straße nass

Zwischen Engländern, Belgiern und Holländern (gewichtet nach Anzahl) machten wir uns startklar und rollten gen Registration, wo auch alles gut organisiert war, jedoch doch durch den Andrang von Tausenden etwas dauerte. Mit Startnummer und Zeitchip ausgestattet ging es dann durch das Starttor in fliegendem Start auf die nassen und matschigen Straßen Flanderns, wo man die Gegebenheiten eben so nimmt, wie sie kommen – das Spritzwasser aus Regen und Erde von den Hinterrädern wird beispielsweise liebevoll „belgische Zahnpasta“ genannt.

Bereits zehn Kilometer nach dem Start ging es in die Vollen mit dem nur 700m langen, aber maximal 17 Prozent steilen Wolvenberg – den mussten wir zu Zweidrittel schieben wegen Stau! Danach kamen dann neben den Hellingen in geringen Abständen drei Kopfsteinpflasterstrecken, u.a. die zu Recht gefürchtete 2300m lange Paddestraat. Spätestens hier konnte von einem Fahrerfeld oder auch nur größeren Gruppen nicht mehr die Rede sein.

Hinter der ersten Verpflegung waren die Straßen dann soweit abgetrocknet, dass es nicht mehr kreuz und quer spritzte, aber noch ausreichend feucht war, so dass das Kopfsteinpflaster entsprechend bescheidenen Grip hatte. Nicht wenige Fahrer waren auf Crossern oder Gravelbikes unterwegs und dadurch klar im Vorteil.

Die Strecke inkl. Bier zur Strecke

Wir fuhren in ständig wechselnder Begleitung, umgeben von einem Sprachgemisch aus Flämisch (Anteil an Fahrern auf Eddy-Merckx-Rahmen ca. 80%!), Französisch ( waren aber meistens wohl eher Wallonen), Englisch (v.a. Flüche und Sehnsuchtsbekundungen nach Bier, beides immer sehr amüsant), Italienisch (Italiener waren auch schweigend zu erkennen an Carbon-Hochprofilfelgen plus sauberen (!) neongelb/-grün/-orangenen Trikots), Japanisch uvm. – und überhaupt kein Deutsch, übrigens auch keine deutschsprachigen Trikots und keine Autos mit deutschem Kennzeichen auf dem Parkplatz. Wir waren damit merkwürdigerweise ähnliche Exoten wie der Typ auf dem Hochrad, den wir am Start gesehen hatten (wobei der unmöglich die reguläre Strecke gefahren sein kann – oder er war auch Engländer). Dazu kamen an den Anstiegen zunehmend gut gelaunte, bierselige Einheimische, die uns genauso leidenschaftlich anfeuerten wie am Tag drauf das Peloton der Profis. Klassikerzeit in Flandern heißt Radrennen als Volksfest, (beinahe) egal wer fährt!

Ungefähr zur Hälfte der Strecke hatte Claudia das Gefühl, etwas im Handschuh zu haben. An der Verpflegungsstation nach 70 km wollte sie dieses Etwas entfernen, was sich ungünstigerweise als Blase mitten auf der Handfläche erwies. Beim Radfahren natürlich immer unangenehm, bei dieser Strecke ziemlich katastrophal, zumal im Rot-Kreuz-Zelt nur etwas Desinfektion möglich war und der sachlich-pessimistische Hinweis, dass es in der zweiten Hälfte noch richtig schlimm werden würde. Und das wurde es auch! Ein Zwischenstopp im Sanitätszelt nach 110 km, nachdem Claudia empirisch mittlerweile sicher war, dass unter den versuchten ca. 150 Möglichkeiten, einen Lenker mit drei Finger auf Kopfsteinpflaster zu halten, keiner auch nur annähernd funktionierte, brachte erneut Desinfektion auf die mittlerweile aufgegangenen Blase (die zudem offenbar gesellig sind und nun zu dritt auftraten), aber auch großzügige Bepflasterung half nichts – alles ähnlich sinnlos wie sämtliche Dreifingerhalteversuche zuvor. Und das große Finale stand ja erst noch bevor, v.a. mit dem berühmt-berüchtigten Oude Kwaremont (2200m mit bis zu 11 %) als vorletztem und dem Paterberg (nur 400m, aber 12,9% im Schnitt steil mit 20% im Mittelstück) als letztem Hammer – beide natürlich mit einem Kopfsteinpflaster, das eigentlich selbst für Mtb-Veranstaltungen eine Frechheit wäre und für das uns nach langem Überlegen einfach keine bessere Beschreibung als „total beschissen“ einfällt. In diesen Passagen war übrigens das babylonische Sprachgewirr längst zu Ende und hatte einem internationalen leisen Stöhnen und Schnaufen Platz gemacht. Dafür waren die Zuschauer um so lauter, zumal sich mitten am Oude Kwaremont die gleichnamige Gaststätte mit Brauerei befindet (fies, fies, oberfies).

Nun, irgendwie ging es dann alles, und die letzten flachen zehn Kilometer gen Ziel waren umso euphorischer! Im Ziel und auf dem Marktplatz dahinter war dann die Erleichterung groß, vor allem aber auch der Stolz, nun ein echter „Flandrien“ zu sein, der Ehrentitel für alle, die sich durch „Vlaanderen Mooiste“ (die schönste Flanderns) gekämpft hatten.

Selfie vom Start, nicht vom Ziel…